Physiologisch und ernährungsbezogen zählt nicht „ob der Pilz neu ist“, sondern was im Körper oder im Verdaulichkeitsmodell gemessen wurde: Protein- und Ballaststoffgehalt, Aminosäurequalität (DIAAS), der Anstieg freier Aminosäuren im Plasma nach der Mahlzeit sowie GI-Toleranz und ausgewählte Biomarker bei wiederholter Aufnahme. Für CBS 143028 ist die Evidenzbasis schmal, aber konkret — und genau dort setzt diese Übersicht an.
1. Was wurde untersucht?
Material ist getrocknete, vermahlene Mycelium-Biomasse von R. pusillus CBS 143028 aus Fermentation mit Hitzeinaktivierung. Das EFSA-NDA-Panel bewertete sie in Safety of Rhizomucor pusillus biomass powder as a novel food (EFSA Journal 2025; e9707). Parallel publizierte Wageningen Food & Biobased Research zwei Humanberichte im Auftrag von The Protein Brewery: TOMMY (Toleranz und Biomarker, DOI 10.18174/547220, NCT04590768) und MyDi (postprandiale Aminosäureprofile, DOI 10.18174/554344, NCT04819789). Ein eigener Artikel behandelt die EU-Zulassung 2026/1507 — hier steht Physiologie und Ernährung im Vordergrund.
2. Zusammensetzung: Protein, Ballaststoffe, Fett, Mikronährstoffe
Laut e9707 besteht die Biomasse vor allem aus ~50,8 g/100 g Rohprotein (Kjeldahl, N×6,25), ~31 % Ballaststoffen und ~5 % Fett. Die Summe wasserfreier Aminosäuren („true protein“) liegt bei etwa 40,2 g/100 g — ein relevanter Abstand zum Rohprotein, weil ein Teil des Stickstoffs nicht aus Protein-Aminosäuren stammt.
Mikronährstoffe (fünf Chargen): Cholin ca. 408–590 mg/100 g; Riboflavin ~0,13–0,21 mg/100 g; Vitamin B6 ~0,26–0,47 mg/100 g; Zink ~4,7–6,2 mg/100 g; Eisen ~1,9–4,4 mg/100 g; Phosphor und Magnesium auf für mikrobielle Biomasse typischen Niveaus. Folat und Vitamin D3 unter den Bestimmungsgrenzen der getesteten Chargen. Antinährstoffe: Phytinsäure ~1,04 %; Oxalat und Trypsininhibitoren unter LOQ. Das Panel sah keine substanzielle Erhöhung der Phytat-Exposition gegenüber der Hintergrundkost.
3. Proteinqualität: DIAAS 61 %
Die wahre ileale Verdaulichkeit der essenziellen Aminosäuren wurde mit dem tiny-TIM-System an einer NF-Charge gemessen. Der Vergleich mit dem FAO-Muster (2013) für Kinder von 6 Monaten bis 3 Jahren ergab einen DIAAS von 61 %, mit Leucin als limitierender Aminosäure. Unter 75 % stuft die FAO das Protein nicht als „gute Qualität“ ein. Das NDA-Panel hielt die Aufnahme in einer abwechslungsreichen EU-Kost dennoch für akzeptabel, sofern das Mycelium nicht die alleinige Proteinquelle bei insgesamt niedriger Proteinzufuhr ist.
4. MyDi: postprandiale Plasma-Aminosäuren (Menschen)
MyDi war eine randomisierte, doppelblinde Cross-over-Studie (n=12 gesunde Erwachsene). Testmahlzeiten lieferten 20 g Protein aus Fermotein dry, Fermotein wet, Fermotein wet modified (Autolyse) oder kommerziellem Quorn-Mycoprotein. Die Produkte wurden nicht gekocht — als Brei serviert. 19 freie Aminosäuren wurden bis 5 h im Plasma gemessen, plus Glukose und Insulin.
- Höchste TAA/EAA-Antwort: Quorn.
- Mittel: Fermotein dry — AUC und Peak signifikant höher als bei nassen Formen.
- Niedrig / nahezu flach: Fermotein wet und wet modified — trotz Autolyse-Schritt zur Verdaulichkeitsverbesserung.
Die Autoren schließen, dass Trocknung (Pulver) die Aminosäureverfügbarkeit gegenüber nasser Biomasse derselben Fermentation verbessert und nasse Formen weiterverarbeitet werden müssen, wenn sie als Proteinquelle dienen sollen.
5. TOMMY: GI-Toleranz und Biomarker bei 11 g/Tag
TOMMY (n=24, parallel, doppelblind): 18 aufeinanderfolgende Tage Mittagessen mit ca. 11 g Fermotein-Pulver vs. makronährstoffangepasste Kontrolle (Molke + Weizenkleie). Primär: GI-Symptome (VAS). Sekundär: Hb, Fe, Ferritin, Glukose, Insulin, Cholesterin, ALAT/ASAT/GGT, Leukozyten, Kreatinin, Zonulin, Blutdruck.
- Schwere GI-Beschwerden: keine; Gesamtdiskomfort niedrig.
- Nach Tag 1: höhere (aber milde) Blähungen (~24/100) und Flatulenz (~26/100) vs. Kontrolle; Unterschiede tendierten über 18 Tage zu schrumpfen.
- Stuhlform (Bristol) und -frequenz: keine sinnvollen Gruppenunterschiede.
- Biomarker: meist unverändert vs. Kontrolle. Ausnahme: Hb — Abfall im Fermotein-Arm vs. Kontrolle (Mittel ~−0,4 vs. −0,1 mmol/l; p=0,01); alle 12 Personen im Aktivarm sanken (−0,1 bis −0,7). Fe und Ferritin ohne signifikanten Unterschied. Autoren spekulieren über Siderophore (z. B. Rhizoferrin) und fordern Follow-up.
- Systolischer Blutdruck: Abwärtstrend (p=0,09) — nicht signifikant.
6. Was für diesen Stamm fehlt
Es wurden keine peer-reviewed RCTs für R. pusillus CBS 143028 / Fermotein gefunden, die Veränderungen der Darmmikrobiota, glykämische Kontrolle in klinischen Populationen, Körpergewichtsreduktion, Lipide als Primärendpunkt oder MPS-Äquivalenz gegenüber tierischer Kost zeigen. β-Glucan-/Mikrobiota-Literatur zu Mycoprotein betrifft vor allem Fusarium venenatum. Sicherheit (negative Genotoxizität, hoher 90-Tage-NOAEL, geringes klinisches Allergierisiko) ist Nutzungskontext, kein Nutzennachweis.
| Endpunkt | Quelle | Ergebnis kurz |
|---|---|---|
| Zusammensetzung / Mikronährstoffe | EFSA e9707 | ~51 % Protein, ~31 % Ballaststoffe; Cholin, Zn, Fe, B2, B6 |
| DIAAS | e9707 / tiny-TIM | 61 %, Leucin limitierend |
| Postprandiale AA | MyDi n=12 | Dry > wet; Quorn > dry |
| 18-Tage-GI-Toleranz | TOMMY n=24 | Gut verträglich; milde Blähungen |
| Hb / Fe / Ferritin | TOMMY | Hb ↓; Fe/Ferritin unverändert |
| Mikrobiota / MPS / Körpergewicht | — | Keine Daten für diesen Stamm |
7. Fazit
Für Mycelium von R. pusillus CBS 143028 dokumentiert die Literatur vor allem Zusammensetzung, mäßige Proteinqualität (DIAAS 61 %), bessere postprandiale Aminosäureverfügbarkeit der trockenen gegenüber der nassen Form sowie kurzfristige GI-Toleranz bei 11 g/Tag mit einem zu beobachtenden Hb-Signal. Metabolische oder intestinale klinische Vorteile sind nicht belegt. Die Novel-Food-Zulassung (EU 2026/1507) bestätigt die Sicherheit unter den genehmigten Verwendungen — das ist nicht dasselbe wie eine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe nach Verordnung (EG) Nr. 1924/2006.
Primärquellen
- EFSA NDA Panel (2025). Safety of Rhizomucor pusillus biomass powder as a novel food… EFSA Journal; e9707
- Esser et al. (2021). MyDi study. WUR Report 2187
- Esser et al. (2021). TOMMY study. WUR Report 2153
- NCT04819789 — MyDi
- NCT04590768 — TOMMY
- Scaife et al. (2025). Subchronic toxicity… J Appl Toxicol
- Scaife et al. (2023). In silico and in vitro safety assessment… Food Chem Toxicol
- FAO (2013). Dietary protein quality evaluation… Food and Nutrition Paper 92