Multivitamin- und Mineralstoffpräparate (MVM) sind weltweit die am häufigsten eingesetzte Kategorie ernährungsbezogener Interventionen. Ihre Anwendung wird mit der Vorbeugung von Mangelzuständen, Neuroprotektion, Immunmodulation und der Prävention chronischer Erkrankungen begründet. Die Bewertung ihrer tatsächlichen klinischen Wirksamkeit erfordert jedoch eine Orientierung an der evidenzbasierten Medizin (Evidence-Based Medicine, EBM), einschließlich Cochrane-Metaanalysen, Berichten der U.S. Preventive Services Task Force (USPSTF) und großen randomisierten kontrollierten Studien (RCT).

Die folgende Darstellung fasst die bis 2025 verfügbaren wissenschaftlichen Nachweise zusammen.

1. Kognitive Funktionen und Neurologie

1.1. Geriatrische Population und MCI (leichte kognitive Beeinträchtigung)

Historische Cochrane-Übersichten wiesen auf fehlende starke Nachweise für die Prävention einer Demenz hin. Neuere Daten aus großen RCT, darunter COSMOS-Mind und COSMOS-Web (2022–2024), legen jedoch nahe, dass eine tägliche MVM-Supplementierung die kognitive Alterung bei älteren Menschen (über 65 Jahre) im Vergleich zu einem Placebo schätzungsweise um zwei Jahre verlangsamen kann.

  • Beobachtete Effekte: Verbesserungen beim episodischen Gedächtnis und bei exekutiven Funktionen.
  • Mechanismus: Wahrscheinlicher Ausgleich subklinischer Mikronährstoffmängel (Vitamin B12, Folat, Zink), die für die Neurotransmission wichtig sind.

1.2. Junge Erwachsene

Bei jungen, gesunden und ausreichend ernährten Menschen gibt es keine Belege für eine Verbesserung der kognitiven Funktionen.

Quellen: Baker LD et al., COSMOS-Mind Study, Alzheimer’s & Dementia, 2022; Cochrane Database Syst Rev. 2020.

2. Psychische Gesundheit und Wohlbefinden

Die Forschung zu den Auswirkungen von MVM auf Angstsymptome, Stress und „Brain Fog“ ist durch eine hohe Heterogenität gekennzeichnet. Obwohl einige klinische Studien (z. B. die Studienreihe der Swinburne University) auf eine Verbesserung der Stimmung und eine Verringerung der geistigen Ermüdung hindeuten, ist dieser Effekt bei Menschen mit einem zu Studienbeginn nicht optimalen Ernährungsstatus am stärksten.

Schlussfolgerung: Es gibt nicht genügend Belege, um MVM in der Allgemeinbevölkerung als Monotherapie bei Stimmungsstörungen zu empfehlen.

3. Herz-Kreislauf-System (CVD)

Die neuesten USPSTF-Leitlinien (2022) und in JAMA veröffentlichte Metaanalysen sind eindeutig: Eine MVM-Supplementierung senkt weder das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu erkranken, noch das Sterberisiko.

Studien wie die Physicians’ Health Study II (PHS II) zeigten keine Verringerung der Häufigkeit von Herzinfarkten, Schlaganfällen oder kardiovaskulärer Mortalität.

4. Immunologie und Infektionskrankheiten

4.1. Immunmodulation

Die Wirkung auf das Immunsystem ist eng mit dem Ernährungsstatus verbunden. Bei Menschen mit Mangelzuständen (z. B. Vitamin D, C, Zink oder Selen) stellt eine Supplementierung die normale Immunantwort wieder her.

4.2. Infektionsprävention in der Allgemeinbevölkerung

Bei gesunden Menschen ohne Mangelzustände verringert eine routinemäßige MVM-Supplementierung das Risiko von Atemwegsinfektionen (einschließlich COVID-19) nicht wesentlich, auch wenn sie die Symptomdauer geringfügig verkürzen kann.

5. Augenheilkunde (AMD und Katarakt)

Standard-Multivitaminpräparate müssen klar von hoch dosierten antioxidativen Formulierungen des AREDS-Typs unterschieden werden.

  • AREDS-/AREDS2-Formel: Wirksam bei der Verlangsamung des Fortschreitens einer fortgeschrittenen altersbedingten Makuladegeneration (AMD).
  • Standard-Multivitamine (z. B. vom Typ „Centrum“): Die PHS-II-Studie zeigte lediglich eine geringfügige Verringerung des Kataraktrisikos und keinen Einfluss auf die Entwicklung einer AMD. Sie sind keine Therapie der ersten Wahl zur Vorbeugung von Augenerkrankungen.

6. Schwangerschaft und Zeit um die Empfängnis

Dies ist der einzige Bereich, in dem die Supplementierung von Mikronährstoffen (insbesondere Folsäure, Eisen, Jod und Vitamin D) über eine Evidenz der Stufe A verfügt.

  • Folsäure: Verringerung des Risikos von Neuralrohrdefekten (NTD) um 50–70 %.
  • Empfehlung: Eine Supplementierung ist für Frauen im gebärfähigen Alter, die eine Schwangerschaft planen, sowie während der Schwangerschaft verpflichtend.

7. Onkologie

Die USPSTF-Analyse aus dem Jahr 2022 stellt fest, dass die Evidenz nicht ausreicht, um MVM zur Krebsprävention zu empfehlen.

Nuancen: In der Physicians’ Health Study II wurde bei Männern, die länger als zehn Jahre MVM einnahmen, eine geringe (etwa 8 %), statistisch signifikante Verringerung der Gesamtkrebsinzidenz festgestellt. Dies führte jedoch nicht zu einer Verringerung der krebsbedingten Mortalität.

Schlussfolgerung: MVM ersetzen weder Änderungen des Lebensstils noch Früherkennungsuntersuchungen.

8. Gesamtmortalität (All-Cause Mortality)

Große Kohortenstudien (unter anderem die NIH-AARP Diet and Health Study) und interventionelle Metaanalysen zeigen einen neutralen Einfluss von Multivitaminen auf die Lebenserwartung.

Neuere Analysen (Loftfield et al., JAMA Network Open 2024) sprechen sogar gegen einen Nutzen für die Lebensverlängerung. In einigen Untergruppen (z. B. Rauchern, die hohe Dosen Beta-Carotin einnehmen) ist ein erhöhtes Risiko möglich.

9. Sport und Trainingsphysiologie

Gemäß den Stellungnahmen des American College of Sports Medicine (ACSM) und der International Society of Sports Nutrition (ISSN) gilt:

  1. Keine ergogene Wirkung: Bei Sportlern ohne Mangelzustände erhöhen MVM weder VO₂max noch Kraft oder Leistung.
  2. Indikationen: Eine Supplementierung ist in Phasen einer Energierestriktion (Gewichtsabnahme), bei Eliminationsdiäten und in Sportarten mit extrem hohem Energieverbrauch sinnvoll, wenn die Ernährung möglicherweise nicht ausreicht, um die Verluste auszugleichen.

10. Klinische Zusammenfassung

Im Licht der EBM sind Multivitamine kein Allheilmittel gegen Zivilisationskrankheiten, bleiben aber ein wichtiges Instrument der „Ernährungsversicherung“.

IndikationEvidenzstufeKlinische Entscheidung
Ausgleich von MangelzuständenHochEmpfohlen (gezielt)
Schwangerschaft (Neuralrohrdefekte)HochEmpfohlen (pränatal)
Kognitive Funktionen (65+)MittelErwägen (gemäß COSMOS)
AMD (AREDS-Formel)HochBei fortgeschrittener Erkrankung empfohlen
CVD-PräventionKeine/niedrigNicht empfohlen
LebensverlängerungKeineNicht empfohlen

Ausgewählte Literatur:
1. Baker LD et al. Alzheimers Dement. 2022;18(11).
2. O’Connor EA et al. JAMA. 2022;327(23):2334–2347.
3. Sesso HD et al. JAMA. 2012;308(17):1751–60.
4. Loftfield E et al. JAMA Netw Open. 2024;7(6):e2418729.